Halbzeit

Nach fünf Monaten steht der nächste Bericht für meine Entsendeorganisation, den SCI, an.

Einige Auszüge möchte ich mit euch teilen. Da es sehr lang und ausführlich ist, könnt ihr natürlich auch die Fragen überfliegen und nur lesen, was euch interessiert.

Hast du einen Tagesrhythmus gefunden?

Mein Tag beginnt unter der Woche um 5:45 Uhr, da um sieben die Schule beginnt. Mit dem Fahrrad fahre zur Schule und zurück. Meist habe ich bis 12:30 Unterricht. Um halb zwei esse ich mit meiner Gastmutter zu Mittag. Nachmittags kommt es darauf an, was ich vorhabe. Mal verabrede ich mich mit Freunden oder gehe in die Innenstadt. Zuhause bereite ich den Unterricht vor, lese oder schreibe mit Freunden. Einmal wöchentlich skype ich mit meiner Familie. Jeden Dienstag gehe ich mit Freunden zum Martes de Buen Cine, in der Casa de la Cultura wird jede Woche kostenlos ein Film gezeigt. An den anderen Tagen treffen wir uns um sieben zum Abendbrot und Tee. Sobald mein Knöchel wieder gesund und belastbar ist, möchte ich wieder in die Kletterhalle bouldern und klettern gehen, zurzeit fehlt mir der Sport.

Wie lebst du momentan? Mit wem wohnst du zusammen? Wie wirst du verpflegt?

Ich lebe weiterhin in meiner Gastfamilie. Meine 68-jährige Gastmutter und ich wohnen im Erdgeschoss. Unter der Woche wohnt noch eine junge Ärztin mit uns, die hier einige Monate lang eine Fortbildung macht. Wir essen zusammen zu Mittag und zu Abend. Mein Frühstück (Haferflocken, Milch, Obst) kaufe ich selbst und frühstücke mit der Ärztin, die ihrerseits ihr gekauftes Essen isst. Mittags kocht meine Gastmutter, meist Reis mit Ei und wechselnden Salaten, manchmal auch vorher einer Suppe. Zu trinken gibt es immer einen frischen Saft. Abends essen meine Gastmutter und ich ein Käse-Brötchen und trinken einen Tee. Am Wochenende wird für die ganze Familie gekocht, dann kommen die Söhne, Schwiegertöchter und Enkel zum Mittagessen. Mehr Fotos hier.

Haben sich deine Sprachkenntnisse in der/den Sprache/n deines Gastlandes verbessert? Welche Sprache sprichst du mit wem am meisten?

Mein Spanisch hat sich verbessert, auch wenn man selbst den Fortschritt meist nicht merkt, weil er von Tag zu Tag passiert. Ich verstehe meist alles und kann auch flüssig antworten. Einfache Gespräche über Herkunft, Arbeit, Wetter, Pläne, etc. sowie das Spanisch im Unterricht klappen problemlos. (Mal abgesehen, dass meine Aussprache noch immer einen Akzent hat). Bei schwierigere Themen und Gedankengänge fehlt mir noch der Wortschatz und die grammatikalische Sicherheit (z.B. bei Konjunktiv- oder „subjunctivo“-Verbformen, das Spanisch hat mehr Verbformen als das Deutsche). Ich treffe mich gerne mit Freunden und führe solche Gespräche, um mich besser ausdrücken zu können. Manchmal fühle ich die Sprachbarriere noch und ärgere mich, nicht alles so sagen zu können, wie ich es im Kopf habe.

Mit meiner Gastfamilie, ecuadorianischen Freunden und den Kolleginnen und Kollegen rede ich spanisch. Im Unterricht spreche ich eine Mischung aus Englisch und Spanisch. Die Begrüßung, Verabschiedung und einfache Anweisungen (Open your book on page…, read and write, repeat, close the door, stand up, sit down, silence, please) sowie Fragen (“What’s your name?”, “How do you say … in English? “ ) verstehen die Schülerinnen und Schüler im Englischen. Was darüber hinaus geht, erkläre ich auf Spanisch. Mit meiner Familie und deutschen Freunden skype und schreibe ich auf Deutsch.

Was sind deine Aufgaben im Projekt? Haben sie sich in den letzten Monaten geändert?

Meine Aufgaben in der Schule haben sich in den letzten Monaten zweimal stark geändert. Am Ende des Oktobers ging eine Englisch-Lehrerin in Rente. Als ich fragte, wer die Klassen übernehmen würde, hieß es, man warte, bis ein neuer Lehrer oder eine neue Lehrerin kommen würde. Ich bot der Fachbereichsleiterin an, die Klassen in dieser Zeit zu übernehmen. Am nächsten Morgen redeten wir mit dem Direktor und direkt danach sollte ich alleine mit dem Unterricht anfangen. Ich bekam meinen neuen Stundenplan und das Buch der Achtklässler in die Hand gedrückt. Nun hatte ich also sechs achte Klassen, die ich jeweils fünf Stunden in der Woche unterrichtete. Dass ich damit 30 Wochenstunden hatte (mehr als mit der ecuadorianischen Partnerorganisation ausgemacht), dachte ich, wäre nicht so schlimm, da es nur für kurze Zeit wäre. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es so lange dauern würde, bis der „Distrito“ eine neue Lehrkraft schickt.

Es hat mir anfangs auch wirklich Spaß gemacht, selbst zu unterrichten, Verantwortung zu übernehmen, die Stunden zu planen und zu gestalten. Ich fühlte mich nicht mehr überflüssig, sondern nützlich. Doch daraus wurde in einigen Klassen auch schnell überfordert. Ich war mit den meist 35 Schülerinnen und Schülern alleine im Raum, die Mehrheit arbeitete auch gut mit, aber einige waren wirklich anstrengend und störten den Unterricht. Zweimal holte ich den Inspektor zur Hilfe, der die Schüler/innen zu Disziplin rief. Außerdem hatte ich jetzt die Aufgabe, die Hausaufgaben, Schulaufgaben und Tests meiner 240 Schülerinnen und Schüler zu korrigieren und bewerten, ein Register zu führen, die Examen zu erstellen, zu korrigieren, Noten zu errechnen. Trotz allem gab es auch wirklich gute Stunden, ich lernte meine Schülerinnen und Schüler kennen, lernte viele Namen und bis heute kommen einige gerne zu mir. Ende November kam freitags ein anderer Lehrer von der Universität, den ich in seine neuen Aufgaben einführen und ihn eine Woche begleiten sollte, denn er hatte vorher noch nie an einer Schule unterrichtet. Darüber war ich sehr froh, die Arbeit wurde mir langsam zu viel.

Doch am Montag kam er nicht, Unstimmigkeiten mit dem Direktor hieß es. Also wurde über einen internen Wechsel nachgedacht, der dann aber nicht durchgeführt wurde.  Bis Anfang Januar blieb es auch so. Deswegen sprach ich mit der Fachbereichsleiterin und dem Direktor, fragte, wann denn die neue Lehrkraft käme und dass ich seit acht Wochen mehr als erwartet arbeite. Der Direktor verstand mein Anliegen und versprach, meine Stunden zu reduzieren.  Ich habe nun mit einer Kollegin getauscht und unterrichte für einige Zeit acht fünfte Klassen – jeweils drei Stunden. Damit habe ich 24 Wochenstunden. Die Kollegin übernimmt die Achtklässler und wird Klassenlehrerin einer Parallelklasse. – Auch aus diesem Grund war eine Veränderung längst überfällig, den Klassenlehrerin konnte und wollte ich nicht sein. Zwei Klassen haben durch den Wechsel keinen Englisch-Lehrer*in mehr.

Mit den Fünftklässlern ist es wesentlich einfacher, sie sind jünger und motivierter, außerdem bleibt die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer während des Englisch-Unterrichts im Raum und kann einzelne Schüler/innen ermahnen und mich unterstützen. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass bald eine ausgebildete Lehrkraft kommt, da dieses Hin- und Her für alle Beteiligten anstrengend ist.

Wie fühlst du dich im Projekt? Wie ist dein Verhältnis zu deinen Kollegen/innen? Können sie dich unterstützen, wenn du Probleme hast? Denkst du, dass du in deinem Projekt angekommen bist? Wenn ja, wer hat dir am meisten dabei geholfen?

In der Schule fühle ich mich sehr wohl und habe das Gefühl, seit ich selbst unterrichte, wirklich im Kollegium angekommen zu sein. Meine Kolleginnen und Kollegen integrieren mich liebevoll. Jeden Morgen und jede große Pause sind wir im Lehrerzimmer der Achtklässler zusammen und trinken Tee, unterhalten uns oder korrigieren. Im Dezember habe ich auch noch mehr Kollegen kennengelernt und konnte aktiv am Schulleben teilnehmen. So habe ich bei zwei Weihnachtsandachten in der großen Pause mitgewirkt, Gebete vorgelesen und Weihnachtslieder gesungen. Ich bin zum Gottesdienst und anschließenden Weihnachtsessen gegangen, wo wir gemeinsam getanzt und Spaß gehabt haben.

Die Englisch-Fachschaft hat regelmäßig Sitzungen, gemeinsam haben wir ein „Christmas Song Festival“ organisiert, das ich auf Englisch moderierte und ein Kollege auf Spanisch übersetzte. Danach waren wir alle gemeinsam Mittagessen, haben gewichtelt und meinen Geburtstag nachgefeiert. Die Fachbereichsleiterin ist für mich Ansprechpartnerin, bei allen Problemen und Sorgen. Sie sieht mich als ihre hija („Tochter“) an und hilft mir. Neben ihr sitze ich im Lehrerzimmer. Mein anderer Sitznachbar, ein Mathelehrer, hat mir außerdem durch seine offene und freundliche Art das Eingewöhnen erleichtert.

Hat sich deine Einstellung zum Freiwilligendienst im Vergleich zu der Zeit vor deiner Abreise geändert?

Meine Einstellung zum Freiwilligendienst hat sich seit dem Vorbereitungsseminar in Deutschland nicht wesentlich verändert. Ich war mir im Klaren darüber, dass Freiwilligendienste im Globalen Süden kritisch-reflektiert betrachtet werden müssen. Meine Meinung hat sich bestätigt, dass ich als Freiwillige hauptsächlich auf persönlicher Ebene im nahen Umfeld einen bleibenden Eindruck hinterlassen kann:  In meiner Gastfamilie, in der Schule, bei Kolleginnen und Kollegen sowie bei Schülerinnen und Schüler. Am interessantesten finde ich gute Gespräche mit Freunden, aus denen ich und sie viel „mitnehmen“. Ich denke, dass es besonders für mich selbst eine nachhaltig bereichernde Erfahrung ist, in einem fremden Land zu leben, zu arbeiten, unterschiedlich und ähnlich denkende Menschen kennenzulernen, beobachtend und mitwirkend Teil einer anderen Familie, eines Kollegiums und einer Gesellschaft zu sein, Vorurteile und Rassismus zu erleben. Dieses Jahr prägt mich. Ich habe gelernt, wertzuschätzen.

Immer klarer wird mir auch, dass wir in ungleichen Ausgangssituationen leben und ich als Europäerin/Deutsche Privilegien habe, einfach in andere Länder reisen kann, eine gute Krankenversicherung habe, Kindergeld bekomme, etc. Ein Beispiel dazu: Meine Eltern werden mich im Juli besuchen kommen, dazu brauchen sie kein Visum innerhalb der ersten 90 Tage. Eine ecuadorianische Freundin war als Freiwillige in Deutschland, ihre Mutter konnte sie besuchen, aber der Vater bekam kein Visum.

Ein anderer Freund bewirbt sich für einen Freiwilligendienst in Deutschland, doch die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass er eine der zwei Stellen bekommt. Im Gegensatz dazu sind unzählige junge Deutsche in Ecuador.

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